Autoren-Interview mit... Jaromir Konecny


Jaromir Konecny - den Namen hatte man vor ein paar Jahren nur bedingt auf dem Zettel. Denn da ist sein Buch "Doktorspiele" (cbt/Randomhouse) erschienen und er selbst wurde des öfteren als "Skandalautor" bezeichnet. Derbe Sprache und provokanter Inhalt - deswegen sind Lesungen sogar abgesagt worden! Doch das in "Doktorspiele" behandelte Thema geht jeden etwas an. Und dank der realitätsnahen Sprache und urkomischen und lustigen Szenen bringt der Autor ein brisantes Thema Jugendlichen wohl um einiges näher als Sachbücher es tun würden. Doch jetzt sollte man mit dem Poetry Slammer umso mehr rechnen: Sein Buch "Doktorspiele", kam in die Kinos. Der Jugendroman wird seit September ausgestrahlt - und spätestens jetzt sollte der Name Jaromir Konecny jedem etwas sagen!
Mir ist es gelungen, ihm zu seinen Büchern und zum Kino-Film Fragen zu stellen. Exklusiv auf Niklas' Leseblog gibt es sozusagen "das Interview zum Film" ;-)

 

 

1956 in Prag geboren. Zwei Jahre als Techniker in Libyen, Arbeiter in der Metallindustrie, Schiffsmeister bei der tschechischen Elbe-Oder-Schiffahrt. 1982 Emigration in die Bundesrepublik. Ein Jahr in einem Sammellager in Niederbayern. Diverse Jobs. Studium der Chemie an der Technischen Universität München. Promotion über die Entstehung des genetischen Codes. Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Theoretische Chemie der TU München. Zur Zeit freier Schriftsteller und Publizist.

 

Bevor es nun mit dem Interview losgeht, möchte ich euch noch Jaromirs Jugendbücher vorstellen:

 

 

Nun geht's aber los. Ich wünsche euch viel Spaß! ;-)

 

 

1. Stelle ich doch mal selbst für die Leser, die dich (noch) nicht so kennen, vor!

 

Ich lebe und schreibe und lebe davon.

 


2. Autor sein: Was bedeutet das für dich?

 

Meinen Traumberuf.

 


3. Wie kamst du eigentlich zum Schreiben? Wolltest du schon als Kind mal Autor werden?

 

 

Seit ich lesen und schreiben kann, will ich ein Schriftsteller sein. Ich habe immer schon alle vollgequatscht. Mal galt ich sogar als der größte Lügner in der Schule: Hatte meinen Mitschülern eine ganz krasse Geschichte erzählt, so dass mit mir ein paar Monate lang in der Schule keiner mehr reden wollte. Das „Lügen“ ist beim Schreiben sehr wichtig. Du zauberst aus dem Alltag eine Geschichte, musst aber noch einen Schritt weiter gehen und sie gut machen: Nicht „wahr“ sondern gut. Egal wie sie im Alltag tatsächlich abgelaufen ist. Als Schriftsteller kannst du die halbe Welt belabern und die ganze Welt ändern. Die Literatur war für mich schon immer die Fortsetzung des Erzählens am Lagerfeuer mit anderen Mitteln.

 


4. Woher stammen deine Ideen für deine Bücher? Planst du sie länger oder schreibst du einfach darauf los?

 

Meist erlebe ich im Alltag eine Geschichte und dann suche ich nach ihrer „Moral“ – ich überlege halt, ob ich mit Hilfe dieser Geschichte etwas sagen könnte, was mich bewegt und andere bewegen würde. Planen tue ich immer: Ich würde keine Geschichte anfangen zu schreiben, wenn ich sie im Kopf nicht fertig habe.

 


5. Liebesschnulze oder Krimi - Was landet bei dir im Regal, was nicht?

 

Ich lese alles, nur nicht alles zu Ende. Das Entscheidende ist nicht das Genre, sondern wie es geschrieben ist. Zum Beispiel Humor und ein origineller, nicht steriler Stil, sind sehr wichtig für mich.

 


6. Wie kamst du dazu den Krimi "Tote Tulpen" (dtv) zu schreiben? Die Toten Tulpen sind ja schon etwas, naja, außergewöhnlich. Vom Inhalt und auch gerade von der Schreibweise und der Sprechweise der Personen. Fällt es dir schwer "so" zu schreiben?

 

Meine Mutter war eine leidenschaftliche Krimileserin. Schon mit 12 habe ich für sie einen Krimi geschrieben, der war aber so unanständig, dass ich dafür zwei Wochen Hausarrest bekam. Mit „Tote Tulpen“ wollte ich meiner verstorbenen Mutter endlich einen anständigen Krimi von mir schenken. Die Schreibweise darin ist nun mal mein Stil – so schreibe ich wohl die meisten Bücher.

 


7. Welches deiner Bücher ist für dich dein Highlight?

 

Schwer zu sagen. Von den Jugendbüchern wohl „Doktorspiele“. Von den Romanen für Erwachsene: „Tatar mit Veilchen“. Und von den Geschichtenbänden für Erwachsene: „Fifi poppt den Elch“.

 


8. Charaktere sind ein wichtiges Thema: In "Dönerröschen" (cbt/Randomhouse) treffen zwei gegenteilige Seiten aufeinander. Wie schafft man da es, Charaktere zu erstellen?

 

Mit der Charakterisierung klappt‘s gut, wenn man im Kopf eine reale Person hat, der man dann noch etwas Zusätzliches „andichtet“, oder noch besser: die Person „verdichtet“, so dass sie lebendig vor dir steht. Eine große Kunst ist es, die Charaktere der Personen in den Handlungen und in den Dialogen zu tragen. Also nicht in ihrer direkten Beschreibung. Traurig ist dabei, dass es nur von klugen Lesern geschätzt wird. Viele, auch Blogger und andere Rezensenten, erwarten ausufernde und direkte Beschreibungen der Helden wie der Leser sie in den heutigen Mainstream-Schinken vorfindet. Deswegen sind die Schmöker wohl so dick. Ich glaube, Oscar Wilde lobte bei Flaubert, dass Flaubert nicht geschrieben habe: „Madame Bovary fror.“, sondern: „Madame Bovary stellte sich ans Kamin.“

 


9. "Doktorspiele" ist dein vielleicht bekanntestes Buch. Erzähl und doch kurz darüber etwas!

 

In „Doktorspiele“ spielt der Ich-Erzähler Andi mit sieben mit Lilli Doktor und wird dabei von Lilli „traumatisiert“. Mit 16 verknallt Andi sich in Katja, Lilli taucht auf und Andi stürzt ins Gefühlschaos. Im Buch versuchte ich zu zeigen, dass jeder von uns in seiner Pubertät sehr große Probleme mit seiner Körperlichkeit hatte, die uns das ganze Leben prägen oder sogar krank machen. Wenn wir über diese Sachen lachen und reden lernen, entschärfen wir sie und beugen auch sexuellem Missbrauch vor. Ein Junge bekommt zwischen seinem 9ten und 15ten Lebensjahr einen 25fachen Testosteron-Überschuss. Wenn ein Erwachsener die Auswirkungen dieser Sexualhormonbombe als „feuchte Träume“ abtut, finde ich das erbärmlich. Als ein Journalist den New Yorker Stand-Up-Comedian Lenny Bruce fragte, warum denn all seine Witze unter die Gürtellinie gehen würden, sagte er: „Wenn Sie am menschlichen Körper etwas anekelt, beschweren Sie sich beim Hersteller.“ Ich empfinde so: Wenn ein Kritiker das verklemmte Klischee „unter die Gürtellinie“ verwendet, sollte ihm die Schreiblizenz entzogen werden.

 


10. Vor ein paar Tagen ist nun der Film zum Buch in die Kinos gekommen. Wie bist du mit dem Film zurecht gekommen? Positiv übrrascht (Hui - die haben das ja noch lustiger hinbekommen als mein Buch!)? Zufrieden mit den Charakteren und Inhalt?

 

Ich liebe den Film. Film und Buch sind verschiedene Kunstgattungen. An einen Film und an ein Drehbuch muss man ganz anders herangehen als an ein Buch, schon aus Zeitgründen, ein Film kann ja nicht vier Stunden dauern. Der Regisseur Marco Petry, die Schauspieler, und all die anderen Filmleute haben das genial gemacht. Stellvertretend für alle Schauspieler nenne ich Max von der Groeben und von den etwas Älteren Oliver Korittke und Christiane Paul. Außerdem muss ich sagen: Robert Marciniak, der Produzent von Lieblingsfilm ist für mich ein Held – fünf Jahre lang kämpfte Robert für die Verfilmung meines Buchs und brachte sie tatsächlich zustande. Marco Petry und Jan Ehlert haben ein super Drehbuch geschrieben: Als mein damals 12jähriger Sohn die dritte Fassung des Drehbuchs las, hat er mir tatsächlich gesagt: „Papa! Das Drehbuch ist viel lustiger als dein Buch.“ Ich bin glücklich, dass der Film jetzt die Jugendlichen ab 12 begeistert und Erwachsene dabei auch ihren Spaß haben. „Doktorspiele“ hat am Startwochenende den Platz 2 der Kinocharts erreicht.

 


11. Warum MUSS man zuerst das Buch gelesen haben, um dann erst den Film anzuschauen? ;-)

 

Bei „Doktorspiele“ geht beides: Der Film ist ja ganz anders als das Buch. Aber ich gebe zu: Wenn ich ein Buch lese, gehe ich dann auch gern in den Film. Umgekehrt ist es schon schwieriger. Bilder sind nun mal viel direkter zu genießen als Worte. Beim Buchlesen brauchen viele Leser Spannung, und die ist dann weg, wenn man das Buch gelesen hat. Aber: Im Buch gibt es etliche sehr lustige Szenen, die es im Film nicht gibt, wie zum Beispiel die unten im Videoclip und umgekehrt:

 

https://www.youtube.com/watch?v=MMNG-XCffF0

 


12. Hat der Film irgendwelche Auswirkungen nun auf das Buch gehabt (z.B. vermehrte Käufe) oder sogar auf dich?

 

Klar verkauft das Buch sich jetzt super. So wie vor 5 Jahren, als es erschien, und ich auf meiner Lesetour damit lustige Skandale erleben durfte:

 

http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/leseverbot-schulen-verbannen-sexbuch-autor-a-620701.html

 


13. Mein Lieblingsbuch aus Kindertagen ist...

 

„Tom Sawyers Abenteuer“ und viele andere.

 


14. Abschlussfrage: Youtube-Blog oder die schriftliche Form?

 

Ich bin ein Schreiber und deswegen schreibe ich. Nirgendwo kann man so wunderbar mit der Sprache spielen wie beim Schreiben, aber auch beim Lesen. Wenn Du ein grandioser Performer bist, ist der Youtube-Blog selbstverständlich naheliegend. Wer ist es aber schon? Beim Lesen redest du mit dem Autor, beim Videogucken konsumierst du. Klar machst du dir auch beim Schauen Gedanken, aber nicht so viele wie beim Lesen. Das die Zukunft aber irgendwann eine Welt der Bilder sein wird, ist zu befürchten. Früher zwang uns unsere Umwelt das Wort auf, jetzt macht unsere Umwelt aus uns Augenmenschen. Wir sollten aber unbedingt beides bleiben: Augenmenschen und Ohrenmenschen.

 


15. Abschlussfrage²: E-Book oder "echtes" Buch?

 

Beides. Ich habe ein Kindle-Gerät, kaufe trotzdem auch normale Bücher. Zum Beispiel bei der Bebilderung sind eBooks immer noch nicht so weit. Ich möchte auch nicht das hübsche Gefühl verlieren, ein nach Druckerfrische duftendes Buch in der Hand zu halten oder ein uraltes antiquarisches, das nach unserer Geschichte riecht.

 


16. Abschlussfrage, die dritte: Doktorspiel - Film oder Buch? ;-)

 

Auch beides. Das würde mich auf jeden Fall sehr freuen. Beides gibt einem etwas Eigenes auf den Weg.

 

 

 

Vielen lieben Dank an Jaromir für die tollen Antworten auf meine Fragen ;-).

 


 

„Doktorspiele“ - der Film: Regie Marco Petry. Mit Oliver Korittke, Christiane Paul, Merlin Rose, Max von der Groeben u. a. Produktion: Twentieth Century Fox und Lieblingsfilm.

 

 

 

Doktorspiele auf Facebook: https://www.facebook.com/Doktorspiele.der.Film

 

Doktospiele bei 20th Century Fox: http://www.fox.de/cinema/doktorspiele/13628/

 

Jaromir Konecny auf Facebook: https://www.facebook.com/Jaromir.Konecny.Autorenseite?fref=ts

 

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